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Flexible Arbeitszeiten und zeitautonome Arbeitsgruppen
Ausgangssituation
Die Volksbank-Raiffeisenbank Bayreuth eG entstand durch Fusionen sieben
verschiedener Genossenschaftsbanken in den Jahren 1989, 1991, 1997 und
1998. Dadurch befanden sich mehrere Kreditinstitute unter einem Dach,
die zunächst keine gemeinsame Einheit bildeten. Um das Denken in alten
Schienen zu beenden und das Haus für die Zukunft zu rüsten, entschloss
sich die Geschäftsleitung, die gesamte Bank, die über 68.000 Kunden mit
264 Mitarbeitern in 26 Zweigstellen betreut, neu zu organisieren.
Durch die Anpassung der Organisation an die Wünsche der Kunden, wie z.B.
die Ausdehnung der Beratungszeiten, sollte zugleich die
Wettbewerbsfähigkeit verbessert werden. Bereits nach kurzer Zeit wurde
jedoch deutlich, dass dieser Anspruch mit dem bisherigen
Arbeitszeitmodell nicht möglich war. Überstundenvereinbarungen erwiesen
sich als zeit- und arbeitsintensiv, die Bürokratisierung nahm noch zu.
Folgerichtiger Schluss war, die Arbeitszeiten zu flexibilisieren.
Nach einer Testphase von rund 6 Monaten in mehreren Abteilungen wurden
im Juni 1995 flexible Arbeitszeiten für alle Bereiche der
Volksbank-Raiffeisenbank Bayreuth eG eingeführt. Dies basierte auf dem
Entschluss, sich als modernes, zukunftsorientiertes Unternehmen
darzustellen, in dem die Kundenorientierung oberste Priorität besitzt
und den Mitarbeitern mehr Eigenverantwortlichkeit zugestanden wird.
Grundsatz der Teamverantwortung
Grundvoraussetzung für die flexible Arbeitszeit war, dass durch eine dem
Arbeitsanfall entsprechende Besetzung ein reibungsloser Betriebsablauf
gewährleistet ist. Orientierungsmaßstab hierfür ist der Kunde, wobei mit
"Kunde" auch der interne Kunde (= andere Abteilungen) gemeint ist.
Außerdem sollte der Kontrollaufwand für Vorgesetzte und für die
Personalabteilung so gering wie möglich gehalten werden. Für die neue
Arbeitszeitregelung gilt deshalb der Grundsatz der Teamverantwortung,
d.h. in jedem Bereich können die Arbeitszeiten der Mitarbeiter
individuell gestaltet werden, persönliche Arbeitszeitwünsche der
Mitarbeiter werden dabei berücksichtigt. Um die gewünschte
Eigenverantwortlichkeit nicht mehr als unbedingt notwendig zu
reglementieren, beschränkte sich die Vereinbarung auf die Festlegung von
Rahmenbedingungen.
Nach einer Umfrage unter den Mitarbeitern nach einem Jahr "Praxistest"
wurde die Betriebsvereinbarung in einigen Punkten überarbeitet. Obwohl
die Umfrage zur Zufriedenheit mit der neuen Arbeitszeitregelung ein
durchweg positives Ergebnis zeigte und bewies, dass die Mitarbeiter ihre
Zeitautonomie zu schätzen wissen, konnten weitere Möglichkeiten gefunden
werden, Betriebsinteressen mit persönlichen Bedürfnissen abzugleichen.
Die wichtigsten Punkte sind:
-
Die Mitarbeiter
können ihre tägliche Arbeitszeit zwischen 7.00 Uhr und 19.00 Uhr
frei bestimmen; Beratungsgespräche können nach 19.00 Uhr
durchgeführt werden. Örtliche Gegebenheiten und eine
Mindestbesetzung im Team sind zu gewährleisten.
-
Ein Zeitguthaben bzw.
-defizit von 25 Stunden kann unbegrenzt übertragen werden und durch
Freizeit oder Überstunden abgegolten werden. Für Kundenberater gilt
ein zusätzlicher Zeitpuffer von 10 Stunden.
-
Die Mitarbeiter
erfassen die geleistete Arbeitszeit manuell und legen diesen
Nachweis am Monatsende ihrem Vorgesetzten vor. Es besteht jedoch die
Möglichkeit der Befreiung von dieser Aufzeichnungspflicht.
Kundenzufriedenheit
Die Anpassung der Schalteröffnungszeiten an Kundenbedürfnisse (z. B.
abends länger geöffnete Schalter in ländlichen Geschäftsstellen, im
Stadtbereich mittags durchgehend geöffnet) wird durch die Einführung der
flexiblen Arbeitszeit erleichtert. Einen ersten Schritt in diese
Richtung stellte die Umgestaltung einer Stadtgeschäftsstelle in ein
Servicecenter dar, das durchgehend von 11 bis 18.30 Uhr personell
besetzt ist. Nächste Schritte waren die durchgehende Öffnung des
Hauptstellenschalters sowie die individuellen Ausgestaltungen der
Öffnungszeiten in den Geschäftsstellen. Darüber hinaus machen
Besuchsbilanzen deutlich, dass die Mitarbeiter kundenorientierte Termine
verstärkt wahrnehmen.
Ergebnis und Ausblick
Die Flexibilisierung der Arbeitszeit wird in der
Volksbank-Raiffeisenbank Bayreuth eG nicht als
Rationalisierungsinstrument, sondern als Innovations-, Kommunikations-,
Motivations- und Führungsinstrument betrachtet. Trotz
Kostensenkungseffekte durch Personalabbau - da die Absprachen in den
Arbeitsgruppen getroffen werden, konnte die zentrale Betriebsreserve
komplett abgebaut werden - versucht das Institut über die gegebenen
Möglichkeiten der flexiblen Arbeitszeit, und zusätzlich über befristete
und unbefristete Teilzeitarbeitsmodelle, die Arbeitsplätze zu halten.
Für die Volksbank-Raiffeisenbank Bayreuth eG hat sich der Schritt
gelohnt - die Vorteile der neuen Arbeitszeitgestaltung überzeugen:
-
bessere Ausnutzung
der Kapazitäten und Ausdehnung der Betriebszeiten
-
höhere
Arbeitsqualität und -zufriedenheit, dadurch besseres Arbeitsklima
und niedrige Fluktuations- und Krankheitsquote
-
fortschrittliches und
attraktives Erscheinungsbild in der Öffentlichkeit und auf dem
Arbeitsmarkt
-
bessere Abstimmung
zwischen Beruf und Privatleben
-
in begrenztem Umfang
die Souveränität über eigene (Arbeits-) Zeit
Die Flexibilisierung der Arbeitszeit ist jedoch nicht einmalig
festzulegen, sondern unterliegt permanenter Veränderung: Reibungspunkte,
die im Betriebsablauf auftreten, müssen den neuen Bedingungen angepasst
werden, so dass das Modell zur flexiblen Arbeitszeit ständig
aktualisiert wird und immer wieder Anlass gibt, darüber nachzudenken,
was noch besser werden kann.
Literaturquelle: Flexibel ist nicht genug. Vom Arbeitszeitmodell
zum effizienten Arbeits(zeit)management. Angela Fauth-Herkner (Hrsg.),
Datakontext, München2001. |