|
Flexible Arbeitszeiten im Textilhaus Beck
Ausgangssituation
Das Textilhaus Beck in München mit inzwischen circa 1200 Mitarbeitern
gehört zu den ersten größeren Unternehmen, die einen neuen Weg aus dem
starren Schema des Acht-Stunden-Tages gewählt haben: Im Juli 1978 bot
Beck seinen Mitarbeitern die "Individuelle Arbeitszeit" an.
Hintergrund war das Ziel, die Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern. Die
Kundenorientierung sollte verbessert und die hohen Personalkosten im
beratungsintensiven Modehaus optimal an Schwankungen der
Kundenfrequenzen angepasst werden. Darüber hinaus wurden Überlegungen
zum Arbeitsmarkt angestellt: 90 % der Mitarbeiter bei Beck sind Frauen.
Besonders für sie ist es wichtig, flexibel arbeiten zu können, um so den
klassischen Konflikt zwischen Beruf und Familie besser bewältigen zu
können.
Die Planungsphase
Zunächst entwickelte Beck ein Unternehmenskonzept, das die Kunden- sowie
die Mitarbeiterzufriedenheit erhöhen sollte. Dabei rückten die sozialen
Bedürfnisse und Erwartungen der Mitarbeiter in den Vordergrund. Durch
komplexere, problemorientierte, teamartige Formen der Zusammenarbeit
wollte das Textilhaus der Entfremdung in der Arbeit, der
Leistungsunwilligkeit und dem Stress entgegen wirken. Man erkannte, dass
Mitgestaltungsmöglichkeiten und Unabhängigkeit der Mitarbeiter zu mehr
Selbstbestätigung und Anerkennung führen und notwendige Fähigkeiten und
Fertigkeiten herausbilden und diese ihren Niederschlag im Verkauf wie in
der internen Organisation finden würden. Die Mitarbeiter sollten
verstärkt an Managementaufgaben teilhaben. Aus- und Weiterbildung, die
in dieser Zeit stark intensiviert wurde, sollte das neue
Unternehmenskonzept unterstützen.
In einem nächsten Schritt wurde eine Mitarbeiterbefragung zum Thema
Arbeitszeit durchgeführt, die den Bedarf an flexibleren Arbeitszeiten
und an einer Ausweitung der Teilzeitarbeit aufzeigte. Die
Mitarbeiterumfrage ergab, dass 39% der Vollzeitkräfte weniger arbeiten
wollten als die volle Arbeitszeit von damals 173 Stunden im
Monatsdurchschnitt. 21% der damals schon Teilzeitbeschäftigten wollten
ihr Zeitpensum noch weiter reduzieren.
Aufbauend auf diesen Ergebnissen und Kundenfrequenzanalysen begann eine
Projektgruppe 1976 mit der Entwicklung eines neuen Arbeitszeitmodells,
das zugleich kunden- und mitarbeiterorientiert ist. Bei der Umsetzung
des Arbeitszeitmodells kamen der Optimierung der Personaleinsatzplanung
und der Ausweitung der Flexibilität durch "Nachbarschaftshilfe" zwischen
den Abteilungen sowie der Schulung der Führungskräfte eine zentrale
Bedeutung zu.
Von Beginn an wurden Mitarbeiter und der Betriebsrat in das Projekt
einbezogen. Zahlreiche Seminare wurden besucht und bestehende Modelle
mit variablen Arbeitszeiten eingehend studiert.
Die Planungsgrundlagen für das neue Arbeitszeitmodell
Zunächst wurden Arbeitsabläufe und ihre Organisation analysiert. Zwei
Jahre lang wurden die Kaufgewohnheiten der Kunden untersucht. Bei jeder
Kasse wurden die Kaufkundenfrequenzen gemessen und die Verteilung pro
Stunde, für alle Wochentage, pro Monat und pro Jahr festgestellt sowie
nach Abteilungen und Stockwerken differenziert. Erstaunlicherweise
wichen die Kaufkundenfrequenzen der einzelnen Wochentage nicht mehr als
2 % voneinander ab. Aus der Analyse der Kundengewohnheiten konnten daher
exakte Planungsgrundlagen für den optimalen Personaleinsatz abgeleitet
werden.
Im folgenden Jahr wurde dann die Personaleinsatzplanung nach Monaten,
Tagen und Stunden eingeführt.
Zusammen mit der Abteilungsleitung erstellt die Geschäftsleitung für
jeden Monat einen groben Umsatzplan, von dem, unter Einsatz der
Planungshilfsmittel, der Personaleinsatzplan abgeleitet wird. Immer eine
Woche im voraus wird daraufhin die Feinplanung gemacht und an
Veränderungen wie z.B. Umsatzzuwachs, Wetterveränderungen, Erkrankungen
von Mitarbeitern angepasst. Die Anwesenheit der Verkäuferinnen wird im
Team abgesprochen, wobei vorhandene Plus- und Minusstunden mit Hilfe
eines elektronischen Zeiterfassungssystems berücksichtigt werden können.
Das Modell der "individuellen Arbeitszeit"
Das Modell ist durch folgendes Prinzip gekennzeichnet: Jeder Mitarbeiter
kann selbst entscheiden, wie viele Stunden er arbeiten will, und in
Absprache mit seiner Abteilung festlegen, wann er die vereinbarte
Arbeitsleistung erbringen will. Mit jedem einzelnen Mitarbeiter wurde
ein "individueller Arbeitsvertrag" mit der jeweils gewünschten
durchschnittlichen Arbeitszeit pro Monat abgeschlossen. Möglich waren
Arbeitsverträge ab 60 Stunden pro Monat oder jeweils 10 Stunden mehr bis
zur tariflichen Vollarbeitszeit. Natürlich kann die im Vertrag
festgelegte Arbeitszeit auch jederzeit nach Absprache mit dem Betrieb
geändert werden.
Wann die vereinbarte Arbeitszeit zu erbringen ist, wurde in den
Verträgen bewusst nicht festgelegt; das sollte dezentral in den
Abteilungen entschieden werden. Wie die Personaleinsatzplanung erstellt
wird, ist von Abteilung zu Abteilung unterschiedlich. In der Regel
erstellt die stellvertretende Abteilungsvorgesetzte zusammen mit den
Mitarbeitern für den kommenden Monat einen Grobplan und dann jeweils für
eine Woche einen Feinplan, in dem festgelegt wird, wer wann wie lange
arbeitet. Dabei sind alle Mitarbeiter für die optimale Belegung ihrer
Abteilung mitverantwortlich. Unabhängig davon, wie das Zeitkonto
schwankt, bleibt die Gehaltsauszahlung entsprechend dem vereinbarten
durchschnittlichen Monatspensum konstant.
Für zusätzliche Flexibilität sorgt die "Nachbarschaftshilfe", das heißt,
die einzelnen Abteilungen können, je nach Situation im Verkauf, Personal
an andere Abteilungen abgeben oder von diesen anfordern. In
Spitzenzeiten werden zusätzliche flexible Teilzeitkräfte eingesetzt.
Ergebnis und Ausblick
Nach Einführung der individuellen Arbeitszeit kehrte sich das Verhältnis
von Vollzeit zu Teilzeit von ca. 65 % zu 35 % innerhalb eines Jahres um.
Da Zielsetzung nicht die Reduktion der Personalkosten war, wurde das
frei gewordene Personalkostenbudget für die Einstellung weiterer
flexibler Teilzeit-Mitarbeiter eingestellt und damit bereits 10 % mehr
Mitarbeiter beschäftigt.
Durch Steigerung von Kompetenz und Flexibilität sowie durch Einbeziehung
der Mitarbeiter in die Lösungsfindung kam es zu einer erheblichen
Steigerung der Mitarbeiter-Motivation und zu einer Verbesserung des
Betriebsklimas. Teamdenken breitete sich aus, ein Bewusstseins der
gemeinsamen Verantwortung wurde geschaffen und die Identifikation mit
dem Unternehmen nahm zu. Über die Nachbarschaftshilfe ist es bis jetzt
immer gelungen, die jeweils notwendige Besetzung pro Abteilung
sicherzustellen.
Durch die selbständige Personaleinsatzgestaltung, die Erhöhung der
Kommunikation und Koordination untereinander und ein flexibles, bedarfs-
und mitarbeiterorientiertes Arbeitszeitmanagement wurde eine effiziente
Arbeitsorganisation geschaffen. Führungskräfte wurden durch die
Dezentralisierung der Entscheidungen entlastet.
Die IAZ fördert einen mitarbeiterorientierten Führungsstil. Denn nur
wenn es den Führungskräften gelingt, ein gutes Arbeitsklima und ein
Gefühl der Zusammengehörigkeit zu schaffen, kann die dezentrale
Personalplanung auf freiwilliger Basis zu einer für Betrieb und
Mitarbeiter optimalen Belegung führen.
Bei Beck ist man heute davon überzeugt, dass ein Arbeitszeitmodell wie
die IAZ nur funktionieren kann, wenn die Durchführung dezentral
geschieht. So erfolgen die Absprachen, wer wann welche Stunden übernimmt
innerhalb einer Gruppe von Mitarbeitern, die auch sonst zusammen
arbeiten und gelernt haben, die vom Arbeitszeitsystem angebotene
Flexibilität zu nutzen.
Als nach zwei Jahren die Mitarbeiter zur "individuellen Arbeitszeit"
befragt wurden, wollten praktisch alle die IAZ behalten. Änderungen
waren keine nötig, die Regelungen hatten sich bewährt.
Noch heute, über 20 Jahre nach der Einführung der IAZ symbolisiert das
Kaufhaus Beck ein innovatives Unternehmen, welches zugleich Kunden- und
Mitarbeiterbedürfnisse in den Vordergrund stellt. Die IAZ hat sich
inzwischen auch in für den Einzelhandel schwierigen Zeiten bewährt. Die
IAZ bietet die Möglichkeit, sich hochflexibel an den Markt und an neue
Ladenöffnungszeiten anzupassen und stellt damit einen wesentlichen
Faktor zur Beschäftigungssicherung dar.
Autorin: Angela Fauth-Herkner |