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Verantwortlich handeln im Team - neue Arbeitszeitmodelle in der
Münchner Stadtbibliothek
Ausgangssituation
Nach den ersten Versuchen im Jahre 1996, die traditionellen
Arbeitszeitvorgaben der Münchner Stadtbibliothek zu reformieren,
entsprachen diese noch immer sehr konventionellen Vorstellungen: Die
wenigen variablen Größen zur individuellen Gestaltung der Arbeitszeiten,
feste Kernzeiten mit verknüpften Vor- und Nachgleitfristen, eng
begrenzte Variationsbreiten an Plus- und Minusstunden sowie gesetzlich
vorgeschriebene Mindestpausenzeit stellten eher eine exakt definierte
"Flexibilität" dar. Die zudem in den Stadtteil-, Fahr-,
Sonderbibliotheken und Fachinstituten gänzlich fehlte. In einem
Pilotprojekt, das zunächst in 3 Bereichen erprobt wurde, stellte sich
die Stadtbibliothek München deshalb die Aufgabe, Arbeitszeitfragen mit
den Zielen der Verwaltungsreform zu verknüpfen - und ein ebenso
mitarbeiterfreundliches wie leistungsfähiges und kundenorientiertes
Bibliothekssystem aufzubauen.
In das Projekt wurden fast 600 Beschäftigte, davon etwa ein Drittel
Teilzeitkräfte, einbezogen. Die Größenordnung der Einheiten innerhalb
einer stark dezentralen Organisationsstruktur reichte von sechs Personen
in kleinen Stadtteilbibliotheken bis zu fast 100 Mitarbeiterinnen und
Mitarbeitern in der Zentralbibliothek.
Organisation des Innovationsprozesses
Die Voraussetzung für den radikalen Bruch mit jahrzehntelangen
Traditionen der Arbeitsstrukturen und der Arbeitszeitregelungen setzte
Fortschritte einer gewissen "Innovationskultur" und ein engagiertes
Verhältnis zum Dienstleistungsgedanken innerhalb des Betriebes voraus.
Zumal durch den erforderlichen Koordinationsaufwand erhöhte
Anforderungen an die Bibliotheksteams gestellt wurden und mit der neuen
Arbeitszeitregelung eine zusätzliche Öffnungszeit von dreieinhalb
Stunden pro Woche mit dem gleichen Personalstamm zu bewältigen war.
Zur fachlichen Absicherung begleitete eine externe Beraterfirma den
gesamten Prozess. Das Konzept der Unternehmensberatung sah
betriebsintern die Einzelphasen der grundlegenden
Informationsbeschaffung, der exakten Analyse, der bereichsbezogenen
Probezeit und schließlich der Implementierung in alle Bereiche vor. Mit
der Testphase in den drei Pilotbereichen war ein eigenes
Schulungskonzept verknüpft, das in verschiedenen Modulen
Führungskompetenz und Teamzusammenarbeit sukzessive verbessern sollte.
Eine spezielle Projektgruppe "Arbeitszeit", in der Mitglieder aus
unterschiedlichen Bibliotheksbereichen, örtlicher Personalrat und
Fachspezialisten aus dem Personalreferat vertreten waren, kooperierte
eng in allen Phasen mit der Beraterfirma.
Zu Aufgaben der Projektgruppe gehörte die Herausgabe einer regelmäßig
erscheinenden Zeitschrift zu Fragen der Personal- und
Arbeitsorganisation, Informationstreffen für alle Bereiche, laufender
Kontakt zu Direktion, Gesamtpersonalrat und Personalreferat sowie die
Einrichtung einer "Hotline" während der Implementierungsphase.
Öffentlicher Service: Vom starren Schichtdienst zum variablen
Personalplan
Ab Juli 1996 erfolgte der Übergang zum "Variablen Schichtplan" im
größten Teil der Benutzungsdienste; in dieser Vereinbarung war eine
eindeutige Parallelität zur geltenden Gleitzeitregelung der internen
Bereiche erkennbar: So wurden jetzt übertragbare Zeitguthaben bzw.
Minusstunden zugelassen und die Möglichkeit zu einem Gleittag pro Monat
eröffnet. Unverändert blieb allerdings immer noch die Trennung zwischen
Früh- und Spätschicht. In einer weiteren Zwischenstufe ab Herbst 1998
konnte die Kernzeit nach Absprache fallweise verkürzt oder aufgehoben
werden, um größere Flexibilität innerhalb der einzelnen Schichten zu
gewinnen. Die endgültige Arbeitszeitvereinbarung, die seit 1.11.1999 in
allen öffentlichen Servicediensten der Münchner Stadtbibliothek
Gültigkeit besitzt, verabschiedet sich von Grundprinzipien bisheriger
Glaubenssätze zur Arbeitszeit. Die Teams der Einzelbibliotheken vor Ort
übernehmen die Verantwortung und Aufgabe, persönliche Interessen,
dienstliche Notwendigkeiten und Serviceziele, die in Jahreskontrakten
festgelegt sind, miteinander in Einklang zu bringen. Teamabsprachen,
Theken- und Personaleinsatzpläne wurden unabdingbar. Die Eckdaten der
Vereinbarung sind:
-
Kernzeitvorgaben
entfallen vollständig, stattdessen breiter Arbeitszeitkorridor, der
interne Aufgaben, Publikumszeiten sowie kulturelle Abendangebote
berücksichtigt.
-
Die
Mindestarbeitszeit von vier Stunden pro Tag (Teilzeitkräfte
anteilig) wird auf Wunsch der Beschäftigten aufgehoben.
-
Die Maximalwerte des
Arbeitszeitkontos können 80 Plus- bzw. 20 Minusstunden betragen, die
Anzahl der Gleittage ist nicht reglementiert.
-
Flexible
Mittagspausenzeit.
Interne Dienste: Von
der Gleit- zur flexiblen Arbeitszeit
Der Probelauf im internen Dienst der Bibliothek geriet so überzeugend,
dass die Resultate innerstädtische Arbeitszeitvereinbarungen
entscheidend mitbestimmten. Auch diese Vereinbarung basiert auf dem
Grundsatz, "Flexibilität" nicht einseitig zu interpretieren, sondern
einen Ausgleich zwischen den Aufgaben der Stadtverwaltung als
bürgerorientiertes Dienstleistungsunternehmen und den Wünschen des
Personals herbeizuführen. Am 1.5.1999 wurde der Übergang von der Gleit-
zu einer wesentlich variableren stadtweiten "DV-FLEX" vollzogen. Die
Eckdaten sind:
-
Verkürzte Kernzeit:
Sie muss - auch nach Absprache auf Referatsebene - mindestens 25
Stunden pro Woche betragen.
-
Die Variationsbreite
von Zeitguthaben und Minuseinheiten darf 40 Plus- und 15
Minusstunden nicht überschreiten. Die Zahl der Gleittage wird nicht
mehr beschränkt.
-
Die Dauer der
Mittagspause kann über bisher feste Vorgabe erweitert werden.
Ergebnis und Ausblick
Da die jeweiligen Testphasen zu außerordentlich positiven Ergebnissen
führten, erfolgte die Übernahme nahezu aller Leitlinien des Probelaufs
in die endgültige Arbeitszeitregelung. Problemzonen waren zumindest
vorher erkannt und konnten beobachtet werden. Die Sorgfalt der
Testphase, deren tragfähige Resultate und das laufende systemweite
Schulungskonzept zur Teamarbeit haben aber das notwendige Risiko
begrenzt. Besonders kleine Einheiten mit nur wenigen Planstellen können
die Vorteile des Arbeitszeitmodells allerdings nur begrenzt wahrnehmen,
da die Serviceziele eine Mindestpräsenz an Personal vorgeben.
Das optimierte Arbeitszeitmodell der Münchner Stadtbibliothek bietet
folgende Vorzüge und Möglichkeiten:
-
Ein gleichmäßiger
Service zu allen, wesentlich erweiterten Öffnungszeiten, verringerte
Wartedauer unabhängig von Kundenfrequenz und Personalengpässen sowie
ein aktuelleres Medienangebot.
-
Ein höheres Maß an
Arbeitszeitsouveränität, Rücksichtnahme auf individuelle Wünsche und
familiäre Erfordernisse, das bewusstere Wahrnehmen des eigenen
Arbeitsumfeldes, eine reduzierte Überbelastung vermögen Motivation
und Eigenverantwortung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in einem
positiven Teamprozess zu stärken.
-
Der wirtschaftliche
und effizientere Personaleinsatz, der Abbau bezahlter Überstunden,
der Vorrang vereinbarter Produktziele, die Identifikation der
Beschäftigten mit ihrem Arbeitsbereich tragen wesentlich zu einer
positiven Unternehmensbilanz der Bibliothek bei.
Literaturquelle: Flexibel ist nicht genug. Vom Arbeitszeitmodell
zum effizienten Arbeits(zeit)management. Angela Fauth-Herkner (Hrsg.),
Datakontext, München2001. |